© Horst Hübel Würzburg 2005 - 2011
Begriffliches
Hat Spannungsabfall bei einem stationären Strom etwas mit "gestauten Elektronen" zu tun? |
nach W. Panofsky, M. Phillips, Classical electricity and magnetism, Addison-Wesley Publishing Company, 2. Auflage 1962 und vielen anderen Standard-Lehrbüchern der Elektrodynamik
Wird in einem geschlossenen Stromkreis ein Widerstand von einem Strom
durchflossen, entsteht an ihm ein Spannungsabfall. Manchmal wird als
Modell für Spannungsabfälle an hintereinander geschalteten
Widerständen ein "Elektronenstau" vorgestellt: Weil sich vor jedem
Widerstand "Elektronen stauen", herrsche nach dieser Meinung dort gegenüber
dem anderen Pol des Widerstands eine
Potenzialdifferenz.
Die Widerstände sollen zunächst aus einem einzigen sehr langen, dünnen, homogenen Leiter (mit der konstanten spezifischen Leitfähigkeit s) bestehen mit mehreren Abgriffen. Wegen des Ohm'schen Gesetzes
j = s.E
muss in ihm bei konstanter Stromdichte j auch konstante elektrische Feldstärke E herrschen. Das empirische ohmsche Gesetz bedingt, dass sich j und E zueinander passend einstellen müssen. Andererseits gilt:
div E = r/e0.
Danach sind Ladungen mit der Ladungsdichte r Quellen und Senken des elektrischen Feldes.
Ist in diesem Fall (variabler Querschnitt, aber konstante Leitfähigkeit) div E und damit auch r an den "Kontaktstellen" von 0 verschieden? Dann würde es hier also Ladungsanhäufungen geben. Hinter der Kontinuitätsgleichung steckt aber die Ladungserhaltung: div j + ¶r/¶t = 0. Da ¶r/¶t = 0 bei einem stationären Strom - es gibt schließlich keine Produktion von Ladungen im Volumenelement DV - , gilt div j = 0 : Alle Ladungen, die in ein Volumenelement DV hineinströmen, müssen auch wieder herausströmen.
Im Leiter mit konstanter Leitfähigkeit (grad s = 0), aber unterschiedlicher Querschnittsfläche : div j = s . div E = 0 => div E = 0 bzw. r = 0
Nein, es gibt also auch in diesem Fall keine Ladungsanhäufung an den Kontaktstellen zwischen Bereichen unterschiedlichen Querschnitts aber gleicher Leitfähigkeit. Auch auf dem Niveau der Schulphysik ist das klar: In einem Abschnitt des Leiters mit größerer Querschnittsfläche ist bei unveränderter Stromstärke die Stromdichte und damit die elektrische Feldstärke geringer. Dass jetzt die Spannungsdifferenz U12 = ò E dl geringer ist, passt gut dazu dass der Widerstand eines solchen Abschnitts bei gleicher Länge geringer ist.
2. Stromkreis mit variabler Leitfähigkeit s
Wenn nun aber sich die Leitfähigkeit s beim Übergang von einem Widerstand zum anderen ändert? Dann gilt:
div j = div ( s . E ) = s . div E + (grad s ) . E = 0 , also
s . (r/e0) = - ( grad s ) . E bzw. r = - ( grad s ) . E . e0/s
In diesem Fall kann r tatsächlich an der
Übergangsstelle von 0 verschieden sein, wenn grad s
=/ 0. Die Ladungsanhäufungen sorgen jetzt dafür,
dass sich die für das ohmsche Gesetz erforderliche richtige elektrische
Feldstärke im Leiter ausbilden kann. Sie sorgen offenbar für eine
Anpassung der elektrischen Feldstärke, nicht für ihre Existenz,
denn beim früheren Beispiel gab es ja E ohne Ladungsanhäufung!
Besonders auffällig sind solche Ladungsverteilungen und elektrischen
Feldstärken in der Nähe eines p-n-Übergangs bei Halbleitern.
Solche Ladungsverteilungen gibt es offenbar auch an den Anschlüssen
getrennter Widerstände, also dort, wo sich die Leitfähigkeit von
einem sehr großen auf einen kleineren Wert ändert oder umgekehrt.
Schematisch werden die Verhältnisse in der Graphik
gezeigt.
Diese Situation könnte auch an den Klemmen der Stromquelle eintreten.
Am Ende des Widerstands, der nahe am positiven Pol liegt, bildet sich demnach
eine positive Raumladungswolke aus, am "negativen" Ende, eine negative. Durch
die beiden Raumladungen entsteht ein zusätzlicher Beitrag zum elektrisches
Feld, das im Widerstand größer sein muss, um bei gleicher Stromdichte
den Effekt der verminderten Leitfähigkeit auszugleichen.
Auch im "Druckmodell" des geschlossenen Wasser-Stromkreises (Heizungskreislauf) kommt der Druckunterschied an Engstellen nicht durch unterschiedliche Wassermengen oder Wasserdichten vor und nach der Engstelle zustande. Tatsächlich muss man den dynamischen Druck einbeziehen. Ohne Strömung herrscht (bei mehreren Engstellen) überall der gleiche Druck (abgesehen vom evtl. vorhandenen Schweredruck). Erst bei Strömung bilden sich Druckdifferenzen vor und nach Engstellen aus.
Das Druckmodell ist aus verschiedenen Gründen problematisch: Welcher Schüler (und welcher Lehrer) kennt sich schon in der Strömungslehre aus? Der Schweredruck kann dabei offensichtlich überhaupt keine Rolle spielen, weil sich das Wasser unter seiner Wirkung nicht bewegt, sondern allein wegen der Pumpenwirkung. Welche Rolle spielen bei der Entstehung eines Druckgefälles etwa Turbulenzen? Änderung der Leitfähigkeit könnte veränderten Turbulenzen entsprechen?
Im Inneren der Zelle gilt j = si.(E + E(e)). Dabei ist E(e) ein formales Wirbelfeld (rot E(e) ¹ 0; rot E = 0), das die chemischen Kräfte innerhalb der Zelle charakterisiert. Es heißt oft "eingeprägtes Feld" (siehe EMK). Es verschwindet überall außerhalb der Zelle; deswegen rot E(e) ¹ 0. si ist die Leitfähigkeit im Inneren der Zelle. Aus div j = 0 folgt div ( si.(E + E(e) )) = 0 , und damit
(grad si ) (E(e) + E) = - si div (E(e)+ E)
Wenn (E(e) + E) = 0 im Inneren, z.B., weil kein Strom fließt (Leerlauffall), oder wenn kein Innenwiderstand vorhanden ist ( si => unendlich), sind die Quellen von E zugleich formal die Senken von E(e) und umgekehrt: " E(e) erzeugt das Feld E ". Durch die im Übergangsbereich zwischen Innen und Außen erzeugen Quellen von E wird dieses auch in den Außenraum fortgesetzt, aber so, dass das ohmsche Gesetz und die Kontinuitätsgleichung eingehalten wird. Wenn (E(e) + E) ¹ 0 unterscheiden sich die Quellen von E(e) und E nur dort, wo sich die Leitfähigkeit im Inneren ändert (grad si ¹ 0) .
Chemische Kräfte im Inneren der galvanischen Zelle sorgen für eine Ladungstrennung. Sie lassen sich formal beschreiben durch ein Wirbelfeld E(e). Sie, bzw. E(e), erzeugen ein wirbelfreies Feld E, das sich in den Raum außerhalb der galvanischen Zelle fortsetzt. Es stellt sich bei einem stationären Strom so ein, dass es trotz der dissipativen Kräfte in den Widerständen zeitlich konstant ist, bei Stromfluss dem ohmschen Gesetz genügt und natürlich der Kontinuitätsgleichung.
E ist also sowohl eine Folge der chemischen Kräfte als auch der dissipativen Kräfte in den Widerständen und des Stroms, die sich auch im ohmschen Gesetz äußern.
Das ist also ganz anders als in der Elektrostatik. Dort ist ein Feld vorgegeben. Eventuell bewegen sich einzelne Ladungen entsprechend diesem vorgegebenen Feld. Beim stationären Strom stellen sich Feld und Strom erst ein gemäß der Stromdichte, der Widerstände und der Stromquelle. Ein Beispiel soll das erläutern:
Früher wurden Van-der-Graaf-Generatoren eingesetzt um Elektronen auf einige MeV zu beschleunigen. Problem war, dass das elektrische Feld in der Nähe der Konduktoren coulombartig war mit unter Umständen sehr großen elektrischen Feldstärken, so dass viele Ladungen vorzeitig abgesprüht wurden. Deshalb wurde angestrebt, das elektrische Feld zu linearisieren. Das gelang mit einer Kette von sehr großen Widerständen längs des Gummibands zwischen beiden Konduktoren. Durch sie floß zwar ein sehr kleiner Strom, aber mit überall konstanter Stromdichte j. Gemäß des ohmschen Gesetzes j = s.E musste sich auch die elektrische Feldstärke E überall konstant einstellen: Der Strom, die Widerstände und die elektrostatischen Eigenschaften des Generators bestimmten das elektrische Feld!
Außerhalb der galvanischen Zelle gibt es nur dieses elektrische Feld E. Da es wirbelfrei ist, ist es - trotz des Stromflusses - (formal) ein Potenzialfeld. Die Widerstände im Stromkreis haben deshalb über die Stromdichte j bei Stromfluss Einfluss auf die Ortsabhängigkeit von E und das zugehörige "Potenzialfeld" (im Außenraum der galvanischen Zelle).
Bei fehlendem Strom (unterbrochener Stromkreis) bzw. wenn die Stromquelle keinen Innenwiderstand besitzt, heben sich beide Felder, E und das formale E(e) , bzw. die zugehörigen Kräfte im Inneren der galvanischen Zelle im Idealfall ganz auf.
Ob es sinnvoll ist, ausgehend vom "Potenzialfeld" E für Ladungen eine potenzielle Energie zu definieren, ist fraglich. (Beachten Sie, dass E nur einen Teil der wirkenden Kräfte vermittelt und sich mit dem stationären Strom erst einstellt!). Es ist ja wohl plausibel, dass die chemischen Kräfte in der Zelle Energie freisetzen. Ob daraus aber potenzielle Energie einzelner Ladungen wird oder z.B. elektrische Feldenergie, möge der Leser selbst entscheiden. Die Frage ist auch weitgehend belanglos: Aus den energetischen Vorgängen beim stationären Strom fallen E und eine daraus konstruierte potenzielle Energie insgesamt völlig heraus. Nur E(e) bzw. die chemischen Kräfte, die es symbolisiert, haben Einfluss auf die energetischen Vorgänge. Außerdem ist die definierende Eigenschaft eines Potenzials, die Wegunabhängigkeit, hier nur außerhalb der galvanischen Zelle gegeben. Man kann zeigen, dass für eine Verschiebung von einem Punkt P1 zu einem Punkt P2 unterschiedliche Verschiebungsarbeiten benötigt werden, je nachdem, ob die Verschiebung durch die galvanische Zelle führt oder nicht. Bei gleicher Ausgangsenergie für die Ladung am Ort P1 ergäben sich dann für unterschiedliche Wege unterschiedliche Endenergien am gleichen Ort P2, recht untypisch für eine potenzielle Energie der Ladung am Ort P2, aber typisch für nichtkonservative Kräfte!
Im geschlossenen Stromkreis mit einem stationären Strom gibt es also zwei Arten nichtkonservativer Kräfte: die chemischen Kräfte und die dissipativen Kräfte. Energetisch ist es klar: die Arbeit, die die chemischen Kräfte in der Stromquelle freisetzen, ist genau die, die die dissipativen Kräfte in Wärme umsetzen. Auch bei der Entladung eines Kondensators, wo - ohne Stromfluss - ein Potenzialfeld existiert, wirken bei Stromfluss nichtkonservative, nämlich dissipative, Kräfte.
Die meisten dieser Überlegungen muss man in der Schule verschweigen. Was man mit den Schülern aber erarbeitet, sollte der Theorie nicht widersprechen.
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Bei Verschiebung einer negativen Ladung von P1 nach
P2 im Außenraum eines galvanischen Elements (oder einer
anderen Stromquelle) ist Arbeitsaufwand nötig, nicht dagegen für
eine Verschiebung zwischen den gleichen Punkten, wenn die Verschiebung durch
das galvanische Element hindurch erfolgt. In diesem Fall heben sich die
chemischen Kräfte und die elektrische Abstoßungskraft dort
ungefähr auf.
Trotz gleichen Anfangs- und Endpunkts der Verschiebung ist die Verschiebungsarbeit unterschiedlich. Es lässt sich - streng genommen - keine potenzielle Energie als Funktion des Orts allein definieren. |
Anmerkung: Es wäre interessant, ob sich ein mechanisches Gravitations-/Höhenmodell für die Verhältnisse beim stationären Strom konstruieren ließe, bei dem - entsprechend der Situation hier - durch das Zusammenwirken von Pumpe, Stromdichte und Strömungswiderständen das Gravitationsfeld ähnlich angepasst werden könnte wie hier das elektrische Feld. Vermutlich ist das nicht möglich, weil hier das Feld E von der Pumpe (und ... ) erst erzeugt wird, während dort das Gravitationsfeld vorgegeben ist.
5. Verhältnisse bei der Induktion
Bei der Induktion in einem Stromkreis ohne eigene Stromquelle entsteht ein Wirbelfeld mit rot E = - dB/dt. Wenn es ein reines Wirbelfeld ist (div E = 0), kann es sowieso keine Ladungsanhäufungen geben.
Hier könnte der ringförmig geschlossene homogene Leiter als Prototyp genommen werden mit einem zeitabhängigen Magnetfeld B; bei Gültigkeit des ohmschen Gesetzes j = s.E müsste überall div E = 0 sein; damit sind gestaute Ladungen überall ausgeschlossen, auch aus Symmetriegründen. Dennoch gibt es ein elektrisches (Wirbel-) Feld und eine Ringspannung (aber mit Sicherheit keine Spannung im Sinn einer Potenzialdifferenz).
Wie eben erläutert, könnten sich Ladungsdichten r höchstens dann aufbauen, wenn sich die Leitfähigkeit der geschlossenen Induktionsschleife oder -Spule irgendwo ändert.
| 6. Zusammenfassung/Folgerungen für die
Schulphysik:
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